R. Hood – Planet Hood Vol. 1

Dezember 24, 2011

Künstler: R. Hood
Titel: Planet Hood Vol. 1 – Parcelle De Lumière
Label/Vertrieb: Quartier Bon Son/Fontastix
Format: MP3/CD
Jahr: 2011

Webseite: quartierbonson.ch

Planet Hood? ‘Die Welt ist eine Hood’ und so? Nicht ganz. R. Hood, mit vollem Künstlernamen Robin Hood, ist einer von drei MC’s beim Neuenburger Quartier Bon Son. Planet Hood Vol. 1 – Parcelle De Lumière ist sein erstes Solo und wird demnächst ergänzt durch L’Amour Et La Guerre seines Kollegen Sagres. Stimmlich ist R. Hood ein souveräner MC, fast ein bisschen an den allseits geschätzten Dany Dan von den Sages Poètes De La Rue erinnernd.

Hood ist ein Rapper, der sich nicht versteckt, das würde man auch ohne den Opener Parole A Coeur Ouvert raushören. Zu erwarten sind allerdings weniger persönliche Bekenntnisse als generelle Betrachtungen über den Ausschnitt der Welt, über den sich der in Kinshasa geborene Neuenburger Überblick verschafft hat. Zu seinem Universum gehört zur Zeit auch die Université de Neuchâtel, wie auf dem CD-Cover angedeutet wird. In deren Bibliothek wurde das Video zu Notre Point D’Honneur gedreht, in welchem sich Hood und Gast Stigma, beide auch auf die arabischen Revolutionen verweisend, Gedanken zum Weltgeschehen machen und ihrer eigenen Werte erinnern.

Hoods humanistische Grundhaltung kommt ebenfalls in Children zum Ausdruck, dem anderen Video-Track, als schöner Kontrast zu Notre Point D’Honneur gedreht im Senegal, wo Quartier Bon Son im April am Festival Rapandar auftraten. Der Reggae-Vibe (NERD ALERT: unterstützt von einem vor Urzeiten von U Know Who verwendeten Sample – kurioserweise für den Track Robbin’ Hood) passt gut zum Plädoyer für die schwächsten Mitglieder der globalen Gesellschaft.

R. Hood denkt gerne in grossen Zusammenhängen, davon zeugen P.L.H., Parcelle De Lumière, Vision Alpha und Reste A L’Ecoute. Letztere zwei verweisen auf 2012 als Schicksalsjahr, esoterische Anleihen, die der Rapper eigentlich nicht nötig hätte. Diese Tracks unterscheiden sich vor allem musikalisch. Auf dem elektronisch angehauchten Reste A L’Ecoute und dem Power-Pop-inspirierten Vision Alpha erleben wir, wie Hood seine Performance den Gegebenheiten anpassen kann. P.L.H. verwendet einen vertrauten Funk-Basslauf, dem Hoods engagierter Flow, aufgelockert durch gesungene Passagen, problemlos folgt, während Parcelle De Lumière reich instrumentiert ist, von der einleitenden Orgel über gescratchte Vocals bis zum abschliessenden Sololauf einer Stromgitarre.

Das an und für sich interessante, musikalisch risikofreudigere H2O Style leidet unter dem altbekannten Phänomen, dass Rapper einfach nicht die Klappe halten können und jede Sekunde eines Stücks mit einer x-fach wiederholten Hook zulabern müssen. Besser macht er’s auf dem R&B-Joint Rien De Tel, wo er Sängerin Armelle genügend Raum lässt und wie erwartet seinen Flow wieder eine Nuance geschmeidiger bringt. Der einzig verbürgte Production Credit ist übrigens DJ Liquid C (Notre Point D’Honneur), welcher aus umrahmenden Harfenklängen, einem kleinen Orgelspiel und dicken Drums einen klassisch frankophonen Hip-Hop-Track baut. Abgeschlossen wird das ganze vom 90er Throwback Lâche Du Lest mit Sagres.

Es kommt im Rap des öfteren vor, dass konzeptionelle Titel, Serienanfänge („Vol. 1″) und ähnlich grosse Ankündigungen nicht unbedingt eingelöst werden. Planet Hood Vol. 1 – Parcelle De Lumière kommt da vergleichsweise stimmig rüber als zukunftsgerichtetes, optimistisches Album von einem Rapper, der noch nicht alles gesagt hat. Fehlende Experimentierfreudigkeit wird wettgemacht durch eine breite musikalische Palette und eine solide Umsetzung.

Interview auf Radio Fréquence Jura

R. Hood f. Masta ViloChildren

R. Hood f. StigmaNotre Point D’Honneur

Schweizer wählen

Oktober 12, 2011

Die Schweiz sieht sich gerne als Hort der Demokratie. Die nackten Zahlen der Wahlbeteiligung kratzen allerdings mit schöner Regelmässigkeit an diesem Selbstverständnis. Seit 1979 bemühte sich weniger als die Hälfte der Stimmberechtigten an die Wahlurne anlässlich der alle vier Jahre stattfindenden Parlamentswahlen, selbst nach Einführung der brieflichen Stimmabgabe. Nun ist die Wahlbeteiligung vermutlich nicht der aussagekräftigste Indikator für die Qualität einer Demokratie, und im Fall der Schweiz wird gerne argumentiert, dass dem Volk mit Initiative und Referendum zwei rege genutzte Instrumente zur Einflussnahme auf die nationale Politik zur Verfügung stehen.

Meinetwegen. Trotzdem fehlt mir einfach ein bisschen der Legitimationsausweis eines Parlaments, das von weniger als der Hälfte des Wahlvolks gewählt wurde (und einer nochmal geringeren Minderheit aller im Land lebenden Menschen). Damit sei nichts gegen die Parlamentarier gesagt. Vielmehr ärgere ich mich immer wieder über die Wahlabstinenten, und zwar ebenso über diejenigen, die behaupten, ihre Stimme habe ja sowieso kein Gewicht, als auch diejenigen, die zur Annahme gelangt sind, Politik habe nichts mit ihrem Leben zu tun. Ausserdem würde mich interessieren, wie die Eingebürgerten mit ihrem Stimm- und Wahlrecht umgehen, und falls, wie ich vermute, nur wenige davon Gebrauch machen, weshalb die Integration an dieser Stelle Halt gemacht hat. Ich will nicht soweit gehen, wählen als staatsbürgerliche Pflicht zu deklarieren. Aber seine Stimme zumindest alle vier Jahre abzugeben wäre eine nette Geste gegenüber der Idee der Demokratie, um die so viele Menschen auf dieser Welt gerade in diesem Jahr friedlich gekämpft haben.

Es ist nicht auszuschliessen, dass im Oktober 2011 die Wahlbeteilung in der Schweiz erstmals seit 32 Jahren wieder über 50% steigt. Voraussehbar ist, dass in diesem Fall sich die Schweizerische Volkspartei auf die Schulter klopfen und behaupten würde, die ‘Schweizer’ mobilisiert zu haben – namentlich gegen die Einwanderung und gegen die EU. Zumindest jene braven Schäfchen, die sich von den ‘Masseneinwanderung stoppen’- und ‘Schweizer wählen SVP’-Plakaten, mit denen die reichen Onkel der Partei das Land in geradezu totalitärer Weise zugepflastert haben, angesprochen fühlten. Am äusseren Rand der Gegenseite reagierte man wieder mal eher unangebracht mit dem Slogan ‘Halts Maul, Schweiz!’ Ich persönliche lasse mir weder mein Schweizertum von der SVP nehmen noch lasse ich mir oder Mitbürgern das Maul verbieten. In dem Sinne lautet meine simple Wahlempfehlung – wählen!

Den Soundtrack dazu liefern einerseits Phenomden mit seinem Track Wölf Im Schafpelz, andererseits eine bunte Ansammlung von Schweizer Musikern, die einen Beitrag zum u.a. von Greis initierten Sampler V – Musik zum Wählen/Musique à Suffrage geleistet haben, beides bis zum 23. Oktober gratis erhältlich.

khaderbai – krüml no.01 – d’schildchrodd

Oktober 5, 2011

Künstler: khaderbai
Titel: krüml no.01 – d’schildchrodd
Plattform: Bandcamp
Format: MP3/CD
Jahr: 2011

Webseite: www.hausundbaum.ch

Beatbastler können, was Rappern partout nicht gelingen will – die Musik für sich selbst sprechen lassen. Nicht alle haben allerdings auch den Mut dazu, weshalb gestandene Hip-Hop-Produzenten kaum Instrumental-Projekte veröffentlichen und das Feld beinahe ganz den Spezialisten überlassen. Dennoch ist auch der internationale Instrumental-Markt in den 00ern ziemlich unübersichtlich geworden und es entstanden etliche Nischen zwischen Oddisee und Flying Lotus. Seinen Platz sucht auch khaderbai, zur Zeit auf der handlichen Bandcamp-Plattform. Die Tags ‘St. Gallen’ und ‘Zürich’ müssen genügen, um khaderbai zu verorten, schliesslich geht’s ja nicht ums woher, sondern ums was.

Was, erklärt uns khaderbai gleich selbst im Intro woanders – mittels einer Zitatesammlung, die klarmacht, dass seine Musik hauptsächlich durch Kisten-Wühlen und MPC-Programmieren entsteht. Die englischsprachigen, gescratchten Samples liessen mich kurzzeitig lupenreinen Spät-90er Boom Bap erwarten, doch erfreulicherweise wird hier nicht auf Nostalgie gemacht, sondern widmet sich khaderbai der genügend anspruchsvollen Aufgabe, in sich stimmige Tracks zusammenzustellen.

Das filmreife wintertime inspiriert dann gleich schon mal dazu, die Lautstärke raufzudrehen, denn solch druckvoll swingende Drums und Bläser verlangen ganz einfach danach. Die Inspirationsquelle des Tracks könnte sich auf einem 70er-Jahre Soundtrack der Sparte Spaghetti Western befinden und khaderbai gelingt es, in der Tradition von Rjd2, The Herbaliser, DJ Format oder Quantic, daraus einen den Blick weitenden und doch direkt nach vorne gehenden Beat zu bauen.

shadow eröffnet mit einer traurigen Soulstimme, wie sie in der Zeit nach RZA aufgekommen sind. Dann setzt der Spieltrieb ein und es folgen Breaks und Tempiwechsel, die khaderbais Programmierqualitäten in den Vordergrund rücken. für D setzt auf gefühlvolle Melodiebögen aus dem Soul-Bereich, wie sie Anfang des letzten Jahrzehnts im Indie-Hip-Hop populär waren, wiederum variantenreich aufbereitet, ohne jedoch den Fluss des Tracks zu stören. Von abrupteren Wechseln profitiert dann aber ein-bruch, ein abwechslungsreich komponiertes Stück, dessen Retro-Flair selbst Mark Ronson aufhorchen liesse. ein-bruch klingt locker aus dem Ärmel geschüttelt und ist gerade deshalb ein klares Highlight hier.

Das schummrige eben könnte auch von Madlib sein, bloss würde der – möglicherweise zu recht – weniger lang dabei verweilen. return of clockers verwendet dasselbe Sample wie Primos Return Of The Crooklyn Dodgers-Beat, geht seinerseits jedoch eher in Richtung Easy Listening Hip-Hop, während september (eins) klassischer Kopfnicker-Shit ist. Eine echte Überraschung hält advent bereit, wo sich unübliche Scat-Stimmen den Lead mit einem typischen Piano teilen. Es folgen khaderbai beat #3 und khaderbai beat #5, bevor das längere dynamo die Auswahl stilvoll beendet, und zwar noch einmal mit jazzigen Acapella-Vocals.

Vor einigen Jahren stellte ich mir eine Mix-CD zusammen mit Instrumentals von DJ Krush, Pete Rock, Madlib, Rjd2, DJ Shadow, Tony D, The Herbaliser, den Waxolutionists, etc. Nicht wenige von khaderbais Tracks würden sich in dieser doch recht illustren Gesellschaft gut machen. Das kann man zwar eindeutig als Kompliment auffassen, aber es steckt auch ein Quentchen Kritik drin. Mit Ausnahme von advent hält krüml no.01 nichts bereit, was man nicht schon gehört hätte.

khaderbais Beats haben Seele, aber sie kommen irgendwie doch ein bisschen ab der Stange. Sie sind solide, aber eben auch ein wenig rückwärtsgewandt. Er hat Mut zur Länge, schliesst seine Tracks aber meistens ohne besonderen Plan ab. Trotzdem handelt es sich bei den 12 Beats um mehr als blosse Krümmel, und wer traditionellen, auf Samples basierten Hip-Hop mag, sollte sich diese erste Werkschau unbedingt anhören.

khaderbaiwintertime

Ein Rapper namens Berner

Juli 26, 2011

Künstler: Berner
Titel: The White Album
Label: Bern One Entertainment/SMC Recordings
Format: CD/MP3
Jahr: 2011

Berner :: The White Album :: Bern One Entertainment/SMC Recordings
as reviewed by Matt Jost

Out of thousands of rappers on US soil Berner stands out to me. Why? There is something about the San Francisco representative that makes me relate to him on a personal level. It’s not the hustle ethic. It’s not the laid-back demeanor. It’s not the skin tone. It’s something purely trivial and accidental but maybe not entirely pointless. You see, I’m Berner too. Let me explain. The way someone who is from New York is a New Yorker, I am a Berner – a resident of the city of Bern, Switzerland. Counting the accompanying Swiss state of Bern, that makes one million of us. Berners, that is. In my language, citizens of the Canton of Bern have been known as Berner(s) for, well, about 500 years. In English you’d correctly call me Bernese, but it doesn’t quite have the same authentic ring to it. After all, the Berner Muenster (cathedral), the Berner Zeitung (newspaper), the Berner Kantonalbank (bank), the Berner Sport Club Young Boys (football club), and the world-renowned Berner Sennenhund (Bernese Mountain Dog) are all part of where I’m from. What’s more, a co-worker actually calls me Berner in jest since I identify strongly with my hometown. So naturally, as a born and bred Berner and also longtime rap fan, I considered it my duty to check out this rapping Berner – keeping in mind that I’ve heard dozens of MC’s who have every right to refer to themselves as Berner by the definition given above.

I did so last year with 2009′s „Weekend at Bernie’s,“ and found Berner to be entertaining enough to keep track of his output. „The White Album“ sticks to the formula of contemplative coke raps over soul-pop-influenced hip-hop beats. Bern enlists veterans like San Quinn, Young Noble and Yukmouth but also shows he is in touch with the times by featuring Big K.R.I.T., Wiz Khalifa and Smoke DZA. In terms of an image, he presents himself as your friendly neighborhood drug dealer, managing to not come across arrogant despite boastful lyrics. Like the latter, Berner’s vocal tone is a peculiar mixture of matter-of-factly and epic.

The listener gets hit with a full dose of that combination right as he goes into „The White Album.“ Opener „White“ is a classic come-up tale set to stuttering drums and chopped vocal samples. Hiding behind a stereotypical title, „Car Full of Killers“ asks existential questions. Although he is a relative newcomer, Berner does old-style, reflective street rap where the criminal lifestyle is never without repercussions: „Dope dealers with two strikes / that’ll do anything to start a new life / but their old ways haunt ‘em like a bad dream / house full of leather couches and flat screens.“ Berner and his characters are suspended between living it up and being down and out. They live a fast life where death always lurks around the corner. The 2Pac influence is evident (and acknowledged by the artist himself), although Berner is far from the accomplished artist Tupac Shakur was. Also, he is much too relaxed to make a line like „Militant minded, spittin’ out napalm“ (from „No Middle Man“) sound credible.

Nevertheless, Bern is comfortable in his niche and can pull in a cool feature (Killer Mike on „So Cold“) or fly beat (the Cory Mo-produced „Flyest Shit I Ever Smoked“ recalls the heydays of Baby Bash) anytime. The overall tone, however, remains practically the same until track 7, when Big K.R.I.T. brings out guitars, strings and organs for a anthemic beat while Houston’s Killa Kyleon provides an engaging hook and verse, making „For a Livin’“ a highlight, also casting a light on Berner’s simple but effectively delivered do-or-die philosophy:

„When I die hope I’m forgiven
cause in these streets we live in
it’s either death or prison
I never take a day off
We be gettin’ weight off
Out of state hustlin’, I never had me a day job
When that plane take off
we be shippin’ lley off
Never been a middle man, always been a straight boss
Cats be tellin’ nowadays, so I be watchin’ who I hang with
Big Meech, Larry Hoover, I be on that same shit
In the drought kick back and watch the caine flip
Breakin’ bread with the same clique that I came with
The only thing on my mind – to make a killin’
I came up broke, nothin’ was given
I do this for a livin’“

K.R.I.T. returns to the boards for „Yoko,“ a Far Eastern-trimmed smoke session that has Bern, Wiz and the King himself hallucinating about a femme fatale they choose to call Yoko Ono. Then it’s back to the sped up soul vocals, melancholic melodies and lyrical coke-rushes with able producers such as Cy Fyre, Biggz, PakSlap, Goblin and Maki.

Deviating from the formula are the blunt „Life That We Love“ with J-Dawg and Rydah J. Klyde, which sounds like something the Regime recorded a decade ago, the rather sappy „Yeah Daddy“ and the closer „Carry On“ featuring reflective verses from San Quinn, Cozmo and Berner, who sums up his approach with the rhetorical question „What’s success without the struggle?“

All that is good and well, but if coke is mentioned in nearly every song, even when the focus is on women („Liking How She Fuck“, „How it Goes“), and even when Bern dwells on personal tragedies („Anymore“), cocaine may just take up too much place in your art period. Berner undoubtedly possesses emotional depth, but unfortunately not (yet) the artistic range to go with it.

At the beginning of this review I bothered you with some coincidential connection I have with Berner just about anyone couldn’t care less about. But if you’ve followed rap music just a little bit you’ve surely been in similar situations where you responded to some unimportant detail. But then you eventually see beyond the randomness, the looks, the names, the gimmicks, the gossip, to discover what the artist in question really has to offer. In Berner’s case, there are definitely aspects about what he does that I deem interesting. But from one Berner to another, I have to be frank and say that 18 tracks full of that white and that green do not yet a dope rap album make.

Music Vibes: 6.5 of 10 Lyric Vibes: 4 of 10 TOTAL Vibes: 5 of 10

Originally posted: July 26th, 2011
source: www.RapReviews.com

BernerHard Headed

Berner f. J. StalinNo Middle Man

BernerCar Full Of Killers

Stress pimpt sich selbst

Juli 8, 2011

Frage: Wenn einer sich selbst pimpt, prostituiert er sich dann nicht auch gezwungenermassen? Okay, ich weiss natürlich, dass im internationalen In-Sprachgebrauch ‘pimpen’ seit einiger Zeit die ultimative Steigerung von aufdonnern bedeutet. Zu verdanken haben wir dies MTV und West-Coast-Rapper Xzibit, deren Sendung ‘Pimp My Ride’ reihenweise die Schrottkarren von bemitleidenswerten Junglenkern in extravagante Karossen verwandelte. Auch wenn ich dem sympathischen X to the Z das sichere Einkommen gönnte und die anfängliche Verzweiflung und anschliessende Verzückung der meisten Beschenkten echt wirkte, Freude hatte ich an dieser Wortwahl nie.

Der oberste Pimp des Rap, Too $hort, ist einer meiner Rap-Apostel, die mir geholfen haben, Rap in allen seinen Facetten zu verstehen. Ich weiss also, das die so oft behauptete Zuhälterei nicht in jedem Fall wortwörtlich zu nehmen ist. Der Pimp ist ein Rap-Archetypus, der über weit mehr Talente verfügt als zu wissen, wie man Frauen übervorteilt und ausnutzt. Und vielleicht nimmt die Trivialisierung dem Wort auch etwas von seiner Gnadenlosigkeit. Darin ist Rap ja nicht schlecht.

Trotzdem – seit Anfang Juli ist der Schweizer Rap-Star Stress auf Plakatwänden zu sehen, neben einem Modell der Marke Mini und der Aufforderung ‘PIMP YOURSELF’. Erstmal Gratulation an Stress, der erstens seit rund einem Jahr heimischer Botschafter einer traditionsreichen Automarke ist, zweitens nun Teil einer nationalen Werbekampagne wurde in einer Branche, die nicht allzu oft mit Prominenten wirbt, und drittens, und das setzt dem ganzen die Krone auf, gar sein eigenes Sommer-Sondermodell ‘Mini by Stress’ präsentieren darf. Man kann mit Recht behaupten, in einen solch prestigeträchtigen Wirtschaftszweig ist bislang noch kein Schweizer MC als Werbeträger vorgedrungen.

Mini ist wohl auch nicht die unverantwortlichste Marke in Sachen Vebrauch, auch wenn natürlich an dieser Stelle anzumerken ist, dass Autowerbung von einem Rapper, dessen ausführliche (von Grossverteiler Coop finanzierte) Aufrufe zum verantwortungsvollen Umgang mit der Natur jahrelang über die Bildschirme flimmerten, schon ein bisschen seltsam erscheint. Nun ja, immerhin ist’s nicht für jene Art von Auto, mit welchem Rap gewöhnlich in Verbindung gebracht wird.

Letzten Endes jedoch laufen Sujet und Slogan voll in die Falle, in die Werbung mit Hip-Hop-Anleihen so häufig tappt. PIMP YOURSELF ist der hilflose Versuch, einen einprägsamen Zusammenhang herzustellen. Die Verwurstung eines Slang-Ausdrucks von gestern endet damit, dass Stress damit sinn- und wortgemäss dazu aufruft, sich zu prostituieren. Oder ist er damit etwa nur ehrlich?


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.