Die Schweiz sieht sich gerne als Hort der Demokratie. Die nackten Zahlen der Wahlbeteiligung kratzen allerdings mit schöner Regelmässigkeit an diesem Selbstverständnis. Seit 1979 bemühte sich weniger als die Hälfte der Stimmberechtigten an die Wahlurne anlässlich der alle vier Jahre stattfindenden Parlamentswahlen, selbst nach Einführung der brieflichen Stimmabgabe. Nun ist die Wahlbeteiligung vermutlich nicht der aussagekräftigste Indikator für die Qualität einer Demokratie, und im Fall der Schweiz wird gerne argumentiert, dass dem Volk mit Initiative und Referendum zwei rege genutzte Instrumente zur Einflussnahme auf die nationale Politik zur Verfügung stehen.
Meinetwegen. Trotzdem fehlt mir einfach ein bisschen der Legitimationsausweis eines Parlaments, das von weniger als der Hälfte des Wahlvolks gewählt wurde (und einer nochmal geringeren Minderheit aller im Land lebenden Menschen). Damit sei nichts gegen die Parlamentarier gesagt. Vielmehr ärgere ich mich immer wieder über die Wahlabstinenten, und zwar ebenso über diejenigen, die behaupten, ihre Stimme habe ja sowieso kein Gewicht, als auch diejenigen, die zur Annahme gelangt sind, Politik habe nichts mit ihrem Leben zu tun. Ausserdem würde mich interessieren, wie die Eingebürgerten mit ihrem Stimm- und Wahlrecht umgehen, und falls, wie ich vermute, nur wenige davon Gebrauch machen, weshalb die Integration an dieser Stelle Halt gemacht hat. Ich will nicht soweit gehen, wählen als staatsbürgerliche Pflicht zu deklarieren. Aber seine Stimme zumindest alle vier Jahre abzugeben wäre eine nette Geste gegenüber der Idee der Demokratie, um die so viele Menschen auf dieser Welt gerade in diesem Jahr friedlich gekämpft haben.
Es ist nicht auszuschliessen, dass im Oktober 2011 die Wahlbeteilung in der Schweiz erstmals seit 32 Jahren wieder über 50% steigt. Voraussehbar ist, dass in diesem Fall sich die Schweizerische Volkspartei auf die Schulter klopfen und behaupten würde, die ‘Schweizer’ mobilisiert zu haben – namentlich gegen die Einwanderung und gegen die EU. Zumindest jene braven Schäfchen, die sich von den ‘Masseneinwanderung stoppen’- und ‘Schweizer wählen SVP’-Plakaten, mit denen die reichen Onkel der Partei das Land in geradezu totalitärer Weise zugepflastert haben, angesprochen fühlten. Am äusseren Rand der Gegenseite reagierte man wieder mal eher unangebracht mit dem Slogan ‘Halts Maul, Schweiz!’ Ich persönliche lasse mir weder mein Schweizertum von der SVP nehmen noch lasse ich mir oder Mitbürgern das Maul verbieten. In dem Sinne lautet meine simple Wahlempfehlung – wählen!
Den Soundtrack dazu liefern einerseits Phenomden mit seinem Track Wölf Im Schafpelz, andererseits eine bunte Ansammlung von Schweizer Musikern, die einen Beitrag zum u.a. von Greis initierten Sampler V – Musik zum Wählen/Musique à Suffrage geleistet haben, beides bis zum 23. Oktober gratis erhältlich.
Tags: greis, phenomden, schweizer wahlen, svp

November 14, 2011 um 10:19 am |
Seh ich auch so. Von wegen “Halts Maul Schweiz”, so hab ich das als sarkastischen Titel verstanden. Beim Durchlesen der Zeitung, die z.B. gratis der WOZ beilag, fand ich so manchen erhellenden Text, der sehr viel differenzierter mit Politik und Demokratie umgeht, als das zugegebenermassen reisserische Titelblatt erahnen liesse.
z.B. http://bit.ly/uf432Y oder http://bit.ly/uAWJgT