Person – Faire Ou Ne Pas Faire

Künstler: Person
Titel: Faire Ou Ne Pas Faire
Label/Vertrieb/Plattform: Sick Swan Records
Format: CD
Jahr: 2006

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Sein oder nicht sein, fragte sich einst Shakespeares Hamlet. Tun oder es lassen, fragte sich etwas pragmatischer 2006 Person, Lausanner MC mit 76er Jahrgang, und kam zum Schluss, dass zumindest der Versuch sich lohnt. Person liess sich erstmals vernehmen – „J’apporte à Lausanne style manqué“ – auf der Kobra-Compil Le Bout Du Tunnel (98), als Mitglied der Formation La Hana Club (mit Baby Blu und MOH). Es folgten Auftritte auf dem Dynamike-Album und mindestens drei Double Pact-Alben. Diese Connection brachte ihn via DJ Frictions Science Friction sogar bis nach Deutschland. Nicht zu vergessen seine Rolle als Biff 2000 an der Seite von Stress‚ Alter Ego Billy Bear in den Jahren 2002 und 2003.

Nichtsdestotrotz blieb mir Person immer ein wenig ein Rätsel, und sein einziger Longplayer präsentiert denn irgendwie auch einen Rapper, der seine Rolle zu definieren sucht. Technisch bestanden keine Unklarheiten, Person ist nicht der Typ, über den man sich wundert, weshalb er sich ausgerechnet zum Rapper berufen fühlt. Wie er in Dans Mon Coeur, völlig unprätentiös und ungeachtet der nicht leichten Thematik, sich einfach in den nostalgischen Beat einklinkt, zeugt von viel Können. Nonchalant aber nicht nachlässig, zieht Person seinen Matter-of-Fact-Rap konsequent durch.

Das heisst keineswegs, dass er Emotionen nicht zulassen würde – Dans Mon Coeur richtet sich an Menschen, die er in sein Herz geschlossen hat, Le Roi Du Monde findet die richtige Tonlage für Weltschmerz, und auch in Par Amour Du Truc hört man den Groll des unterschätzten Talents deutlich heraus. Tatsächlich enthält Faire Ou Ne Pas Faire weitere, noch bemerkenswertere Höhepunkte gefühlvollen Raps. Jusqu’au Bout Du Rêve hält an Zielen und Träumen fest und gerät mit Beteilung von MOH und Nostra zum allgemeingültigen Statement. Pour Moi T’Es La ist mit Sicherheit einer der berührendsten Rap-Songs made in Switzerland, ein ergreifendes ‚Du magst nicht mehr unter uns sein, aber für mich bist du immer noch da‘.

Wie es sich gehört für Rap, wird das alles immer auch rationalisiert, und wenn der Titeltrack vielleicht etwas zu sehr mit sich selbst argumentiert, dann ist das halt auch dem Konzept geschuldet. Eher aus dem Rahmen fallen das satirische/selbstironische Mon Nom Est Person, das auf den jugendlich naiven MC-in-the-making Person zurückblickt sowie La Honte De La Jungle mit einem doch eher handzahmen Biff 2000. Dann doch lieber Nachdenken über L.I.B.E.R.T.E. mit Ketak oder ehrliche aber ernsthafte Selbstbetrachtungen in La Vie En Rose.

Das alles liesse sich nicht so flüssig erzählen, wenn sich Person mit irgendwelchen abenteuerlich instrumentierten Produktionen herumschlagen müsste. Stattdessen kann er sich voll und ganz auf die nach klassichem Muster geschnittenen Beats von Eagle verlassen, die mal erhaben, mal funky, mal sentimental sind, aber immer mit der nötigen Portion Understatement produziert wurden.

Beginnend mit dem „image du roi sur son trône, ayant perdu la guerre / un sentiment d’homme dans les limbes, avec ce goût amer“, zeichnet Person ein skeptisches und letztlich dennoch bejahendes Bild von sich selbst, Hip-Hop, seiner Familie, Lausanne und der Welt (etwa in dieser Reihenfolge). Charakterlich haben wir es mit einem Rapper zu tun, der trotz Hang zur Nachdenklichkeit seinen Frieden gefunden hat. Global gesehen ist das doch eine angenehme Eigenart, wenn Rapper nicht das Zeitliche segnen müssen, um Ruhe zu finden.

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Fliprod présente – Lôzane Sex Prime

Künstler: Fliprod présente
Titel: Lôzane Sex Prime
Label: Fliprod
Format: CD
Jahr: 2000

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„Je m’explique – sur les rives du Léman, comme une magie
née de l’union des races, et ceci dans un milieu si petit
Non, je vous ne parle pas de Marseille ou de Paris
mais plutôt de la cité du Lausanne Family“

(Sens Unik, Les Rives Du Léman, 1992)

Man schrieb das Jahr 2000, und seitens der Deutschschweiz bestand weiterhin nicht der geringste Grund, überheblich zu werden. Denn es war so gut wie ausgeschlossen, dass irgendeine Agglomeration eine Doppel-CD (!) von der Qualität und Konsistenz zustandegebracht hätte, wie dies Lausanne mit Lôzane Sex Prime gelang. Die Initiative ging von einer Organisation namens Fliprod (oder auch FlipProd) aus. Wer da genau dazugehörte, lässt sich nicht mehr feststellen, das musikalische Personal bestand jedenfalls aus Skoof, der das ganze im High Media-Studio aufnahm, den Produzenten Mig-L und Loopshot, sowie DJ Wild Pich.

Der Sampler hat zwei klare Höhepunkte. Lyrico Musikal mit Rapper Ivan nehmen die Gelegenheit dankend an und zitieren Person, der ihnen ein Jahr zuvor die Referenz erwiesen hatte mit der Zeile „Comme les LM, je représente le quartier d’où j’viens“. Das Quartier, das Ivan, Al und Mendoza vertraten, befand sich im Vorort Chavannes-près-Renens, welcher sie in Le Quartier D’Où J’Viens zu einem äusserst stimmigen Track inspiriert, der, minus die drammatischen Szenen, den Geist der 90er Klassiker aus Brooklyn und Queens atmet. Der Beat ist von feinster Kopfnicker-Machart, bestens ergänzt von DJ Als gerupftem Chorus und Ivans klarer, heller Stimme:

„Dans mon quartier la même histoire s’répète comme d’hab‘
Une génération perdue que j’représente en flag‘
Maintenant où on est? Rapper comme à l’age de 15 piges
Au mic j’pige, représenter l’quartier un prestige
Niquer la thune, le passe-temps d’beaucoup, soif d’sous
Après on absout et puis on pige c’qui a dessous
Rap en folie, pire qu’l’A.C., bien classé
Restent enlacé; la musique et nous, c’est jamais l’passé
Tu connais Ivan, la technique haut de gamme
Un charme man, vient d’un putain d’quartier d’Chavannes
On s’oublie et on s’ignore, pour les Signor j’ai l’respect
Ma zone grise est sacrée, alors va fan cul a te
Tague ton turf et situe ta tête à travers l’temps
Reste confiant ou zoner comme un punk à St Laurent
Tu vois c’que j’veux dire? Mon choix est normal et logique
Avec moi ça fait un d’moins dans ta shit de statistique“

Gleich nebenan, ein bisschen näher am Stadtzentrum, liegt die Gemeinde Renens, ein Wahrzeichen helvetischen Hip-Hops, und sei’s nur, weil die Karriere von Sens Unik dort ihren Anfang nahm. In genau diese Anfangszeiten nimmt uns Carlos in einem wunderbaren Epilog zu Au Coeur De Ma Ville mit, unterlegt von einem mitreissenden Theme From S.W.A.T.-Sample. Den Part hat er ein paar Jahre später auf dem Mea Culpa-Album wiederverwendet, als sich die Crew auf ihre Hip-Hop-Wurzeln zurückbesann, doch interessanterweise beginnt Au Coeur De Ma Ville (übrigens bis dato einer der wenigen Carlos-Solotracks) alles andere als nostalgisch verklärt, wenn er abwehrt, „Qu’on me parle pas de mon palmarès“, oder mahnt, „Avec le rap ici personne n’a fait fortune“, und sinniert, wie gut es doch tue, im Freestyle von einem jungen Bengel eins auf die Schnauze zu kriegen. Letztlich ist Au Coeur De Ma Ville halt eben doch eine Lehrstunde für den ganzen Rest der hier Versammelten, vom langen Atem, den Carlos auf dem Track beweist, bis zum unbeirrbaren Glauben an die schöpferische Kraft der Kunst: „C’est à travers mes textes que mes espoirs prennent forme“.

Ansonsten gehört Lôzane Sex Prime den Erben der Lausanne Family (zu der neben Sens Unik auch X-Tra Bass System und L.A.W. gehörten). Sie alle haben irgendwann in den 90ern angefangen zu rappen. Mit Wurzeln in den Anfängen des Jahrzehnts, steuern Lyrico Musikal nach Le Quartier D’Où J’Viens einen weiteren Titel ihres 99er Demotapes bei, das musikalisch doch eher undergroundige Money. Das Duo Six & Flave veröffentlichte 2006 ein gemeinsames Album, ist hier aber noch getrennt unterwegs, Flave mit der Mig-L-Produktion Referendum, Six mit der Loopshot-Produktion L’Argent, beides solide gebaute, hart aufprallende Tracks, die die Raps und Flows ins Zentrum stellen.

Auf Melodie statt auf Rhythmus setzen dagegen die beiden eröffnenden Duette, beide von Loopshot in dunkles, bluesiges Blau getaucht. Plain Les Yeux mit Makadam und Nostra verrät den Mitte-90er Einfluss New Yorks, der in der zweiten Hälfte der Dekade auch im frankophonen Rap angekommen war, und Ta Vie Est Factice von Six und Mk setzt noch einen drauf mit Streichern, die ihre traurigen Geschichten begleiten. Etwas zu erzählen haben auch Polo, der in L’Heure Des Comptes einen jungen HIV-positiven Mann mit seinen Entscheidungen und seinem Schicksal konfrontiert, sowie Sense (Lotus Noir), der in Saint-Laurent die offene Lausanner Drogenszene beschreibt.

Viel vorgenommen haben sich Mk und Seth, die in Courir über einen actiongeladenen Mig-L-Beat ein Fluchtszenario in Szene setzen, allerdings derart dicht und gerafft, dass ich nicht wirklich mitkomme. Mig-L überrascht übrigens mit ein paar echt bouncigen Beats, etwa Amnesty „MH“s De Bonne Foi, La Luna Y Horcas La Revolution oder auch Skra und Tesfus 100%, das allerdings mit zunehmender Länge einer Session im Übungskeller ähnelt. Deutlich fortgeschrittener waren da La Luna Y Horca und Produzent Seto, deren Liebe zur Musik in Pour La Musique Ausdruck findet, auch wenn der spektakuläre Sample-Fund von amateurhaften Drums drangsaliert wird. Musikalisch aus dem Rahmen fällt Polos Statuquo mit Sängerin Soraya und einem Instrumental, der deutliche R&B-Anleihen macht. Thematisch jedoch deckt sich der Track voll und ganz mit dem folgenden Rien Dans Les Poches mit 12S, das im ärmlichen Indie-Rap-Gewand daherkommt.

Keine Frage, Lôzane Sex Prime ist grösstenteils Underground Hip-Hop, der nicht wie Sens Unik oder Double Pact auf der Suche nach einer erweiterten Zuhörerschaft ist. La Plaine, vermutlich ein algerisch/spanisches Duo und im Bereich der nördlichen Durchgangsstrasse Plaines-du-Loup beheimatet, sinnieren und philosphieren in Sur La Sphere drauflos, wie man das zu Recht von Rap dieser Ära erwarten darf, während Preuve Par 3 in Un Monde Faux die Schlechtheit der Welt beklagen. Hier werden Vocals gecuttet statt Effekte getriggert, Köpfe zum Nicken gebracht statt Hintern zum Tanzen. In dem Sinne ist Lôzane Sex Prime ein exemplarischer europäischer Millenniums-Rap-Sampler. Natürlich hätte man, wie die meisten Doppel-CD’s, das ganze auf die Hälfte zusammenstreichen und damit die Qualität erhöhen können, doch das wäre klar dem Sinn des Projekts zuwidergelaufen, nämlich dass sich hier die Lausanner Rap-Szene in ihrer ganzen Breite ausdrückt. Deshalb gibt’s zum Schluss auch noch einen Freestyle mit über 20 MC’s, eingeleitet von Biff und Bear (aka Person und Stress) und verteilt auf drei Mig-L-Beats. Wenn’s um Rap geht, kennt Lôzane eben keine halben Sachen.

JB Funks – De Gömer

Künstler: JB Funks
Titel: De Gömer
Label: oh, homesick.
Format: MP3/CD
Jahr: 2012

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Von einem Rap Act, der sich JB Funks nennt, ganz gleich, ob er in Osaka, Montevideo, Aberdeen oder Biel daheim ist, erwarte ich, wie soll ich sagen, wenigstens den einen oder anderen Verweis, wenn nicht unbedingt auf Mister James Brown, so doch auf die Art von Musik, welche die Namensassoziation auslöst. Ein bisschen Soul Power und Funky Drummer, halt. Nun, JB Funks ist tatsächlich in Biel daheim und auch wenn er den Godfather nicht direkt zitiert (er wäre ja auch der erste Rapper), so macht er seinem Künstlernamen doch irgendwie Ehre.

Das Internet behauptet, auch 50 Cent und The Game hätten das Sample schon verwendet, das De Gömer mit Soul durchströmen lässt, aber JB Funks lässt sich davon zu seiner eigenen Interpretation von Rap inspirieren, indem er bildhaft und detailreich beschreibt, wie seine Musik rüberkommen soll, zum Beispiel als eine „Farbexplosion im Chärn vor graue Uhrestadt“. Was auch rüberkommt, ist, dass De Gömer generell einen Aufbruch signalisieren soll, was natürlich einerseits als Opener passt, andererseits auch etwas über die künstlerische Motivation und Richtung aussagt. Allerdings hätte man nach meinem Geschmack das „de gömer“ musikalisch und textlich noch etwas zwingender aufgleisen können. Mit Ausrufezeichen und so.

Zumindest musikalisch verkörpert das folgende Dr Shit dann schon mehr Abheben als bloss Aufbruch mit einem wirklich gelungenen dl.orion-Beat, dessen trockener doch pulsierender Rhythmus-Loop eine interessante Spannung aufbaut, die sich zwar im Beat selbst nie richtig entlädt, mit der aber JB Funks stimmlich und inhaltlich gekonnt spielt – und nebenher auch noch einen dichtgewobenen lyrischen Teppich knüpft:

„Das isch dr Shit – wie z’erscht‘ Mau Sunne nach nur Näbu
Wie Räge-n a Summertäg, wie Sunne nach Duurräge
Wie wenn düre Schnuuf bäbend ihre Körper a dir hesch
ihri wärmendi Hand häbend sie schmöcksch und iipennsch
Es isch dr Shit, i Teggschte iipressti Uusaag
ufe-ne Beat wo wenn iigsetzt dy weckt wie-ne Fuuschtschlag
Wie-ne berschtende Vulkan a Energie und Luscht z’ha
Wie-ne Huuch vo Freiheit ire feschte Uufgaab
Wie Früehlig voruss z’ha, wysses Liecht, März und Bienli
Wie d’Süessi vom Uusgang un-es liechts Härz vou Liebi
Wie-nes längs Stück Stilli im Lärm-Ruusch vom Hie-Sy
Wie d’Ysicht dass aus eigetlech nüt isch und drum easy
Easy – das isch dr Shit wie Breakdance und Flips
Wie Gigs mit Turntables, wie Spray Cans und Kicks
Wie B-Stance vo Chicks i däm Mainland us Dicks
Das isch Hip-Hop und Rap, wiu das isch für mi dr Shit

Das isch James Brown, Jim Beam, Johnny Blaze Shit
Das isch Jackie Brown, Jeff Bridges, James Bond Shit
Das isch James Blunt, Jet Boost, Jack Black Shit
Das isch JB wie JB Funks und nid wie Justin Bieber Shit“

Einmal abgesehen davon, dass James Blake die geschmackssicherere Wahl als James Blunt gewesen wäre, gefällt mir die Definition von JB Funks Shit. Gar nicht nachvollziehbar dagegen ist der Titel von Stop Bitching, handelt es sich doch um einen durchaus informativen Interview-Track (übrigens beileibe nicht der erste seiner Art). Der Premier-Bauplan, den DJ Easily verwendet, funktioniert bestens, und JB äussert sich nach den ausufernden Bildmalereien der vorangegangenen Tracks (und einer erneuten eher kryptischen Namensklärung in der ersten Strophe) erfrischend konkret über sein (entspanntes) Verhältnis zu Rap und zu Biel.

Blaui Blitze ist dann wieder voller sinnlicher Eindrücke und zeigt, dass man eine Pendlerfahrt auch sinnvoller verbringen kann als mit 20 Minuten. DJ Mo-B kreiert einen melodischen Beat für den philosophisch und künstlerisch anspruchsvollsten Track der EP. dl.orion (dessen Name man übrigens wie eines der berühmtesten Vehikel der Filmgeschichte ausspricht) glänzt abermals mit einem dem Text im Geiste verwandten Beat für Sinnflow, wo JB Funks sich wieder intensiv mit seiner Umwelt – und Sinnfragen – auseinandersetzt („D’Wäut isch z’schön um se nid z’beschribe / z’wüescht um nur drüber z’schwige“), fast schon gurumässig unterwegs ist, nicht ganz unpassend zur in einem anderen Song vorkommenden Eigendefinition als ‚Rap-Siddhartha‚.

Bei so viel Leidenschaft ist es nur angebracht, De Gömer ebenso ausklingen zu lassen. Abentür basiert auf einem Song, Adventure, den dl.orion mit Moka Only aufgenommen hat, und hier löst JB Funks ein, was ich weiter oben vom Titeltrack eingefordert habe, nämlich das Thema des Aufbrechens noch etwas überzeugender umzusetzen. Ganz schön auch, dass JB seine unbändige Abenteuerlust nochmals in den Hip-Hop-Kontext einbettet, wenn Moka Hip-Hop als Abenteuer beschreibt.

Damit ist der Trip noch nicht zu Ende, wurden der EP doch noch sämtliche Instrumentals angehängt, eine weitere Möglichkeit, sich von der Qualität von JB Funks‘ Musik zu überzeugen. Insgesamt ist De Gömer eher traditionell angelegt, wobei das ganze deutlich mehr Druck entwickelt als typischer 08/15 Nachahmer-East Coast Rap. Den einen oder die andere mag JB Funks stimmlich etwas zu sehr an Baze erinnern und zuweilen agiert er noch zu übereifrig, aber letztlich gewinnt im Rap Leidenschaft immer, und davon hat der JB Fönks mehr als für nur eine EP.

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Self Explanatory [E.K.R. & Aera-E]

Künstler: Self Explanatory [E.K.R. & Aera-E]
Titel: Self Explanatory Promotion Disc
Label: Eigenverlag
Format: CD
Jahr: 1991

 

Self Explanatory Promotion Disc

Der Versuch ist eine Konstante im Hip-Hop. Ich denke an alle die MC’s und Beatboxer, die je der Einladung des Headliners auf die Bühne gefolgt sind und versucht haben, die Menge für sich zu gewinnen. An alle die Breaker, die ihre Moves, die sie im kleinen Kreis geübt haben, vom kritischen Fachpublikum umringt zum Besten geben. An alle die Sprayer, die ihre Skizzen nachts an eine Wand zu bringen versuchen. Der Versuch ist ein individuelles Verhalten, aber wenn es nicht beim Einzelnen bleibt, dann kann etwas grösseres entstehen. In den 1980ern kam Hip-Hop auch in der Schweiz an, und wie es sich für seine Generation gehört, hat sich E.K.R. in allen Disziplinen versucht – Graf, Break, Deejaying. Als es für die Szene darum ging, erstmals Musik aufzunehmen und zu veröffentlichen, war er selbstverständlich dabei, auf dem 1990er Fresh Stuff-Sampler, einmal zusammen mit Luana und einmal mit Aera-E.

Die erste Ausgabe von Fresh Stuff mag nicht weite Verbreitung gefunden haben, aber E.K.R.s zweiter persönlicher Versuch in Sachen musikalische Veröffentlichungen dürfte noch etwas rarer sein. 1991 presste er diese Promo-CD. Er und Aera-E nannten sich jetzt Self Explanatory, wobei die Rollenverteilung gleich blieb: All lyrics by Aera-E. All music and scratches by E.K.R. Produced by Self Explanatory. (In Aeras Worten: „Pure African is the woman who speaks / European the man behind the Technics“.) Im Grunde handelte es sich um ein Demo, 6 Tracks ohne übergeordneten Titel oder ausdrücklichen Anspieltipp.

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Musikalisch ist das ganze nicht leicht einzuordnen. Generell kommen sowohl Musik wie Stimme sehr zurückhaltend daher, was ja doch recht untypisch für Hip-Hop ist. Es gab sie auch in den Niederlanden und Deutschland, diese etwas lauen frühen Hip-Hop-Produktionen, die sich wie nicht recht trauten. Die Schuld kann nicht alleine beim technischen Personal liegen (dem in diesen Fällen oft das spezifische Knowhow für Hip-Hop fehlte), denn die Beats sind bewusst feingliedrig gestaltet und Aera-E’s Vocals setzen keineswegs einen Kontrapunkt, sondern fügen sich eben etwas zu harmonisch ins Ganze ein.

Den Auftakt macht ein instrumentales Intro namens Soundcheck, an dem es rein gar nichts auszusetzen gibt. Gesampelter Strassenlärm und der kompositorische Aufbau lassen eine fast schon cinematographische Atmosphäre entstehen. Der Schwerpunkt auf perkussiven Drum-Sounds und mechanischen Funk-Versatzstücken gibt einen Vorgeschmack auf den Self Explanatory-Sound. Gecuttet wird auch, was allerdings grösstenteils im dichten Arrangement untergeht.

Der erste Song erinnert dann augenblicklich an ein deutsches Pendant. 1991 veröffentlichten LSD den ersten deutschen Hip-Hop-Longplayer Watch Out For The Third Rail. Preordained klingt sehr nach LSD, allerdings in akzentfreiem Englisch. Beklagenswerterweise haben sich Self Explanatory entschieden, die Leadstimme über Funk hereinkommen zu lassen (eines der unnötigen Gimmicks dieser Zeit) und zusätzlich sehr nahe herangemischte Adlibs danebenzulegen. Kombiniert mit einem relativ hohen Sprechtempo, fehlendem stimmlichen Ausdruck und dichten Reimsalven ist es schwer, Aera-E zu folgen. Was sich sagen lässt, ist, dass die beiden die Späte-80er Conscious Rap-Schiene fahren, uns die Augen und den Geist öffnen wollen („Preordained to open your eyes, preordained to open your mind“), wenn auch mit der nötigen Portion Lockerheit: „Prepare for the mission / to move your mind first and your ass in addition“. Es findet auch eine Abgrenzung innerhalb des damaligen Hip-Hop-Diskurses statt, wenn die Rapperin bekanntgibt, „I am myself and my place is down on Earth (…) not a goddess or a queen / neither is my DJ a god or a king“. (Ironisch, ich weiss.) Dieser wird mit der Zeile „The E to the K to the R constructed this beat“ gewürdigt und als Fazit kann man festhalten, dass Self Explanatorys Versuch, die intellektuell-spirituellen Vorlagen aus New York umzusetzen, nicht schlecht gelungen ist.

Den Of Barbarians bringt dann die stimmlichen Parallelen zu MC Lyte klarer zum Vorschein. Zumindest inhaltlich wird Aera-E hier sehr deutlich, mit einer langen Liste von konkreten Gewalttaten, die die (amerikanischen) Innenstädte zur ‚Grube voller Barbaren‘ werden liessen. Eine letzte tragische Episode, von der sie erzählt, ereignet sich während eines Konzerts, womit der Bogen zum Stop The Violence-Projekt geschlagen wäre. Das anschliessende Bloodstains On My Ballys zitiert denn auch KRS-One mit „When some get together and think of rap, they tend to think of violence“, allerdings bleibt die Botschaft von E.K.R.’s Zitatesammlung (der Songtitel entstammt Kool G Rap & DJ Polo’s „Wanted: Dead Or Alive“-Track) unklar. Ein ironischer Hinweis, dass die Gewalt-Assoziationen, die manche mit Rap verbinden, eben doch nicht ganz unbegründet sind? Musikalisch jedenfalls orientiert sich das Interlude an Britcore, bekanntlich auch nicht gerade die friedvollste Spielart von Rap.

Pure Concentrated Smoothness verspricht da so ziemlich das Gegenteil und ist auch der rhythmisch unkomplizierteste Track, doch so total smooth ist das dann doch nicht, nicht zuletzt weil Aera-E diesmal über die Telefonleitung rappt. Zum Schluss gibt’s dann noch rückwärts abgespielte Vocals, die We, The Young, The Youth eröffnen. Trotzdem handelt es sich abermals um einen Song, der klare Worte findet und mit einem – etwas zu schleppend vorgetragenen um eindringlich zu wirkenden – Appell an unsere Verantwortung für die Zukunft der Menschheit endet.

„Whether you’re African, Asian, European
Australian, American – a human being
A creature, a species living on this planet Earth
It’s time to know what your future’s worth
Cause today the situation is getting worse
It’s all about a big belly with a fat purse
While children are dying, mothers are crying
Governments are gambling with our lives, and
how the hell are we supposed to survive when
the mind is blind, the soul is egoistic
Lives are taken for materalistic
things; come on, let’s be realistic
Think how day by day we sink
A hole in the ozone layer gets bigger and bigger
A mother concerned takes a risk to conceive
her child, so mild and so meek
into a world that’s so cold and so cheap“

Das klare Plus von Self Explanatory im Vergleich zu all den anderen Rap-Kollektiven im deutschsprachigen Raum, die sich bei ihrer Gründung als Teil einer englischsprachigen Kultur sahen, war eindeutig, dass Aera-E’s Muttersprache Englisch war. Das verleiht dieser EP, zumindest im historischen Kontext, sofort Professionalität. Natürlich hatte Rap auf Englisch hierzulande keine wirkliche Zukunft, und so blieb es eben beim Versuch, auch wenn auf die Länge (auch auf Albumlänge) vermutlich mehr drin gelegen wäre für die beiden. E.K.R. mögen diese Tracks als Resumé gedient haben als er bald darauf New Yorker Studio-Luft schnupperte, doch vom State of the Art im Mutterland waren Self Explanatory doch um einiges entfernt. Nichtsdestotrotz darf das Experiment insgesamt als gelungen bezeichnet werden (auch wenn es nicht so experimentell ausfiel wie bei LSD) und Self Explanatory als Teil des frühen paneuropäischen Hip-Hop-Entwurfs – der sich bis heute nicht wirklich realisiert hat. Stattdessen wurde E.K.R., als er von seinen Lehr- und Wanderjahren in New York und London zurückkehrte, zum Schweizer Mundart-Rap-Pionier…

Ein Wort zur SVP-Masseneinwanderungs-Initiative

ab

Also diese SVP-Initiative ‚Gegen Masseneinwanderung‘ wirft ja schon ein paar ganz grundsätzliche Fragen auf.

Man kann sich zum Beispiel heute gar nicht mehr vorstellen, wie wenig attraktiv die Schweiz einmal war, so vor 15, 25 Jahren (und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch davor).

Vor meinen Augen jedenfalls reiht sich heutzutage ein schöner Anblick an den anderen, wenn ich so durch’s Land schaue.

Vielleicht ist’s auch Maybelline.

Oder H&M.

Oder McDonald’s.

Oder alles zusammen.

Die Häufung von Schönheit(en) könnte in meinem Fall auch im vom Alter getrübten Auge des Betrachters liegen.

Und dennoch habe ich die starke Vermutung, Einwanderung könnte etwas damit zu tun haben, dass Helvetia so hübsch geworden ist.

Manchmal kommt Schönheit eben doch nicht nur von innen.

Beat Enoteca

Künstler: Funk Bastard & Sterneis present
Titel: Beat Enoteca – Swiss Beatmaker Compilation
Label/Plattform: Brain & Device/iTunes, Bandcamp
Format: LP/MP3
Jahr: 2013

Web: beatenoteca.ch

beatenoteca

Es liegt eine Menge Understatement in der Bezeichnung Beatmaker. Gerade darum bin ich persönlich dem Begriff nicht abgeneigt, dennoch ist unbestritten, dass sich der sogenannte Beatmaker über die Jahre von der Rolle als Zulieferer der Rap-Industrie vollständig emanzipiert hat. Die Techniken mögen, ob Hard- oder Software, ähnlich geblieben sein, aber so ein Beat ist inzwischen doch eine recht spezielle Angelegenheit, die mit zeitgenössischem (oder auch historischem) Rap nicht mehr viel zu tun hat. Beatmaking in diesem modernen Sinn ist eine eigenständige Kunstform, die weit verbreitet ist und aufgrund fehlender Sprachbarrieren auch weltweit verstanden wird.

Die Beat Enoteca bietet einen Blick auf das beatmakerische Schaffen in der Schweiz, wie es sich gehört mit Stil und Prägnanz. Die Sammlung führt insbesondere vor Augen, wie viel eigentlich los ist in einem Beat Baujahr 2013. Mehr als einmal werden Erwartungen, die eine Komposition anfänglich wecken mag, über den Haufen geworfen. Zu viel Betriebsamkeit wäre allerdings auch nicht gut, aber die 14 eingeladenen Taktgeber beweisen allesamt Gespür für die Geasamtkomposition.

Shady verspricht nicht zuviel mit Sweet Awakening. Mit einem Beat, dessen Rhythmusgruppe Luftsprünge macht und dabei eine gehörige Portion fröhlichen Funk aufwirbelt, sorgt er für den nahezu perfekten Auftakt. Sehr nett die kurzzeitige Rückkehr (so macht es jedenfalls den Anschein) zum Ursprungsmaterial, bevor die verarbeitete Version, der eigentliche Beat, wieder reinkommt. Melodiesinfonie wechselt in Mentalpeace zwischen intro- und extrovertiert mit einem esoterisch anmutenden Anfang, der erst mal von leicht schleppenden aber doch lebhaften Drums verlängert wird, bevor verzerrte Rap-Samples dem Track eine offensivere Richtung geben. Dann wiederum folgt eine besinnlichere Phase und zuletzt sogar ein angedeutetes Solo mit funky Synths. Meisterbeatz stellt mit Wrong Groove (via weibliches Vocalsample) die rhetorische Frage, was denn an grooven falsch sein könnte und gibt mit seinem sehr schön modelierten, mitreissenden Track die einzig richtige Antwort – nichts.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass es hier generell um verfeinerte Formen von Rhythmus, Funk, Groove, etc. geht. Die Kombination aus vertrackt arrangiert und üppig angerichtet, aus Emotionen und Zurückhaltung, hebt diese Kompositionen auf eine höhere Stufe, zumindest im Vergleich mit anderen modernen Strömungen elektronischer Musik oder auch Hip-Hop, wie man ihn gemeinhin so kennt. Die positive, bisweilen fast schon euphorische Grundstimmung vieler dieser Tracks ist wohl auch dem Zeitgeist innerhalb der kleinen internationalen Szene geschuldet, aber sie verrät auch Freude an der Musik, an lebendiger Musik, sowie am Sound/Klang an und für sich, etwas das Hip-Hop traditionell auszeichnet.

Zuweilen schrammt man auch nahe am Kitsch vorbei, etwa bei Chief & Dehebs It’s All About Love mit seinem fast schon klebrigen Sound. Da sind dunklere Schattierungen und schärfere Kontraste durchaus willkommen. FlexFab kreuzt in Break-In ein schräg-souliges Vocalsample mit scharfkantiger Perkussion. Audio Dope komponiert mit New Life eine intime, mit Rhodes, Flöte und Trompete bestückte Suite, die mich ein bisschen 90er-mässig an die Japaner Silent Poets erinnert. Bei Funk Bastard könnte Blockhead als Referenz dienen. Er unterlegt Teacher’s Talk (gesamplet aus ‚Ferris Bueller’s Day Off‘) mit einem vage bedrohlichen Unterton und lässt einen Hang zum musikalischen Geschichtenerzählen erkennen.

Nemoy legt Wert auf Abwechslung, in Like An Apple beständig am klanglichen Kaleidoskop drehend, während Khaderbai in Rugbrød mit Absicht auf ein Rock-Finale zusteuert. Reezm legt mit Love Sick Dread einen schweren Groove auf, der aber auch Dub-DNA in sich trägt und damit automatisch der Schwerkraft trotzt. Angereichert wird das ganze mit einem Blues-Lamento und einem Biz Markie-Urschrei (höre ich jedenfalls heraus). Stadt Fuchs Bagatelle von Sterneis beginnt wie ein DJ Battle-Track, als würde Bomb Hip-Hop noch einmal den Return Of The DJ verkünden, doch irgendwann einmal kommt, viel abrupter als in der historischen Wirklichkeit, die Zuwendung zu sanfteren, souligen Klängen, wie als Beweis, dass der alte Fuchs keineswegs in der Vergangenheit hängegeblieben ist.

Weniger überzeugen können die Tracks, die eher kurz und eintönig gehalten sind. TZA ist ein gestandener Produzent, aber Caron klingt eher nach einer Spontanbewerbung bei Chiefs Label Feelin‘ Music – wo übrigens Melodiesinfonie berechtigterweise bereits untergekommen ist. Percys Korg Fury könnte ein Outtake aus dem diesjährigen Betty Ford Boys-Album sein, und das abschliessende Up In The Sky von Shuffle And Boost beginnt zwar vielversprechend, will sich aber nicht so recht entwickeln.

Was mich besonders einnimmt für die Beat Enoteca, ist, dass hier Musiker mit sehr unterschiedlichem Hintergrund die Kunst des Beatmakings zelebrieren. Ob es an der spezifischen Selektion oder an der Szene selbst liegt, dass sich die Beats trotzdem nicht radikaler voneinander unterscheiden, vermag ich nicht zu beurteilen. Einen Vorteil hat es allemal, dass die Beteiligten auf einer Wellenlänge sind – es ist eine Platte entstanden, die man vom Anfang bis zum Schluss geniessen kann.